Griechische Mythologie


Griechische Mythologie

Griechische Mythologie, die Gesamtheit der aus dem Altertum über die Götter und Heroen der Griechen überkommenen Vorstellungen, Mythen und Sagen, ihre Entwicklung und Behandlung, kurz die Geschichte des Glaubens der Griechen, die neben der Geschichte des Kultus einen Hauptteil der griech. Religion darstellt. Die Anfänge der G. M. sind zu suchen in der Einbildungskraft und dem innerlichen Abhängigkeitsgefühl der ältesten Griechen. Sie beleben die Wunder der Natur und verkörpern sie aus dem Kreise ihrer menschlichen Erfahrungen heraus. Für viele Ereignisse, für Geburt und Tod, für Säen und Ernten, für Kampf und Frieden, für jeden Moment der Handlung schafft man einen Gott. Außerdem werden die Seelen der Verstorbenen im Verwandtschaftskreise verehrt. Infolgedessen herrscht zunächst eine Fülle von Einzel-, Familien-, Lokalkulten; allgemein ist nur die Scheidung der ober- und unterirdischen Götter, der Götter des Lichts und der Erde. In einer zweiten Entwicklungsstufe, die ungefähr mit der Zeit der großen griech. Wanderungen (2. Jahrtausend) zusammenfällt, schränkt sich der Götterkreis schon etwas ein. Mit dem Siege der einzelnen Stämme und Völkerschaften siegen deren Götter, zugleich werden sie vermenschlicht und in Menschengestalt gedacht. In dieser Zeit beginnt mit den großen Epen Homers und Hesiods, in den Kultepen der sog. Homerischen Hymnen die älteste literar. Mythenüberlieferung, in dieser Zeit schließt sich auch eine bestimmte Götterauswahl als die vornehmste zusammen, der Kreis der olympischen Zwölf Götter (s.d.), neben dem die alten Kulte noch weiter bestehen. Ein dritter Abschnitt der Geschichte des griech. Glaubens wird durch die Reaktion des Volksglaubens und Volksbedürfnisses gegenüber den verweltlichten und verstaatlichten Göttern charakterisiert und offenbart sich in dem Aufkommen der Mysterien, namentlich in Eleusis; die unterirdischen Götter heischen neben dem olympischen ihr Recht und erhalten in dem mächtig vordringenden Dienste des Dionysos, den die orphischen Bettelmönche verbreiten, neue Stärkung. Die Beteiligung an den Mysterien wuchs noch, als die Philosophen und Dichter, die zunächst wie die frühesten Lokalhistoriker (Logographen) an die alte Mythe angeknüpft hatten, selbst mythenbildend und bald mythenzersetzend auftraten. Xenophanes, die großen Sophisten (Prodikos), Platon, Euripides suchen die vorhandenen Mythen ethisch auszudeuten, umzugestalten und bilden allegorisierend neue. Auf der andern Seite verflachte die rhetorische Geschichtschreibung des Ephoros u.a. die Mythen zur Geschichte, indem sie ihn alles Wunderbaren entkleidet. Diese Richtung erhielt im sog. Euhemerismus (s. Euhemerus) ihre Krönung. Mit der hellenistischen Zeit setzt für die G. M. eine vierte und letzte Periode ein, die Zeit des Untergangs. Die Mysterien genügten dem um sein Seelenheil ringenden Volke nicht mehr, und die orient. Kulte der Göttermutter Kybele, der Isis mit ihrem wilden betäubenden Dienste, gewannen mehr und mehr Anhänger. Neue kamen, seit Alexander d. Gr. den Orient erschlossen, hinzu. Außerdem regten sich monotheistische Gedanken im Attis-, im Mithraskult. Von dieser letzten Gestaltung der G. M. hat das Christentum bewußt oder unbewußt vielerlei aufgenommen. – Vgl. Welcker (3 Bde., 1857-62), Gruppe (Bd. 1, 1887), ders. (1897 fg.), Preller-Robert (Bd. 1, 1894); Roscher, »Lexikon« (1884 fg.); Rohde, »Seelenkult« (2 Bde., 2. Aufl. 1898); Usener, »Götternamen« (1896), Farnell (engl., 3 Bde., 1896 fg.).


http://www.zeno.org/Brockhaus-1911. 1911.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Griechische Mythologie — Griechische Gottheiten …   Deutsch Wikipedia

  • Griechische Mythologie — Griechische Mythologie. I. Die griechische Mythologie wurde an Reichthum, Mannichfaltigkeit u. Schönheit des Inhalts von keiner Mythologie eines anderen Volkes, selbst nicht von der der alten Inder erreicht. Alle Arten u. Formen des Naturlebens,… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • griechische Mythologie. — griechische Mythologie.   Die griechische Mythologie umfasst den gesamten Bereich der Erzählungen über griechische Götter und Heroen (Heros); durch sie gewinnt die griechische Religion gedanklichen Ausdruck, und in ihr sind Spuren von… …   Universal-Lexikon

  • Griechische Mythologie — Griechische Mythologie, s. Mythologie der Griechen und Römer …   Herders Conversations-Lexikon

  • Vesta (Griechische Mythologie) — Reste des Tempels der Vesta auf dem Forum Romanum Vesta war eine Göttin der altitalischen, insbesondere der römischen Religion. Sie war die keusche Hüterin des heiligen Feuers, als Göttin von Heim und Herd in ihrer Rolle vergleichbar mit der… …   Deutsch Wikipedia

  • Kleopatra (griechische Mythologie) — Kleopatra (lateinisch Cleopatra) ist der Name mehrerer ägyptischer Königinnen und Regentinnen aus der Dynastie der Ptolemäer.[1] Kleopatra I. (* um 204 v. Chr., † 176 v. Chr.) war die Ehefrau von Ptolemaios V. Kleopatra II. (* um 185 v. Chr., †… …   Deutsch Wikipedia

  • Maia (Griechische Mythologie) — Götterversammlung in Olymp: Hermes mit seiner Mutter Maia, Detail von einer attischen rotfigurigen Amphora, um 500 v. Chr., Staatliche Antikensammlungen 2304 Maia ist in der …   Deutsch Wikipedia

  • Jynx (Griechische Mythologie) — Jynx (griechisch Ίυνξ) ist eine Gestalt aus der griechischen Mythologie. Jynx ist die Tochter des Pan und der Echo oder der Peitho, Dienerin der Io. Sie wurde von der Hera in einen Vogel, den Wendehals (Jynx torquilla), verwandelt, weil sie Zeus… …   Deutsch Wikipedia

  • Methone (griechische Mythologie) — Methone eine Nymphe ist in der griechischen Mythologie die Tochter des Drachen Ladon und somit Schwester der jungfräulichen Daphne, der Merope, der Syrinx und der Thelpusa. Sie ist die Gattin des Königs Poias und hat mit diesem den Sohn… …   Deutsch Wikipedia

  • Mykene (griechische Mythologie) — Mykene ist in der griechischen Mythologie die Tochter des Flussgottes Inachos und der Melia. Ihre Geschwister sind Aigialeus, Phoroneus und Io. Sie gilt auch als Namensgeberin von Mykene …   Deutsch Wikipedia